Wie wirksam ist psychodynamische Psychotherapie?

Psychodynamische Psychotherapie umfasst verschiedene therapeutische Verfahren, die aus der Psychoanalyse hervorgegangen sind. Dazu gehört auch die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Im Zentrum stehen dabei unbewusste Konflikte, Beziehungserfahrungen sowie prägende Erlebnisse aus der frühen Kindheit. Diese frühen Erfahrungen beeinflussen uns oft bis weit ins Erwachsenenalter – sie prägen, wie wir fühlen, denken und handeln. Deshalb spielt die individuelle Lebensgeschichte in psychodynamischen Therapien eine wichtige Rolle.

Hier könnte die Frage entstehen, ob ein Verfahren, das so stark auf persönliche Erfahrungen und unbewusste Prozesse ausgerichtet ist, überhaupt wissenschaftlich überprüfbar ist.
Die Forschung liefert klare Ergebnisse.

Wissenschaftlich gut belegt

Die Wirksamkeit psychodynamischer Psychotherapie ist durch zahlreiche Studien gut dokumentiert. Forschungsergebnisse zeigen, dass sie die Kriterien der evidenzbasierten Medizin erfüllt und bei vielen psychischen Belastungen wirksam hilft.

Eine vielzitierte Übersichtsarbeit von Jonathan Shedler (2010) beschreibt, dass psychodynamische Therapieverfahren mindestens ebenso effektiv sind wie andere etablierte Therapieformen. Bei komplexen Störungsbildern – zum Beispiel bei Persönlichkeitsstörungen – zeigen Metaanalysen von Leichsenring und Rabung (2008) sowie de Maat et al. (2007) deutliche und langfristige Verbesserungen.

Aktuelle Studien bestätigen diese Ergebnisse: Ein systematisches Review von Leichsenring und Kolleg*innen (2022) zeigt, dass moderne psychodynamische Therapien nicht nur Symptome reduzieren, sondern auch tiefgreifende strukturelle Veränderungen fördern – etwa in Beziehungsmustern, Selbstbild und emotionaler Stabilität. Die große LAC-Studie von Leuzinger-Bohleber et al. (2019) belegt zudem, dass diese positiven Veränderungen auch nach Therapieende bestehen bleiben oder sich weiter vertiefen.

Nachhaltige, tiefgreifende Veränderungen

Psychodynamische Psychotherapie wirkt nicht nur kurzfristig. Sie zielt auf ein tieferes Verständnis der eigenen inneren Welt und ermöglicht damit nachhaltige Veränderungen – in Gefühlen, Beziehungen und im Umgang mit sich selbst. Dadurch kann sie bei einer Vielzahl von Beschwerden helfen, besonders auch bei komplexen oder langfristig bestehenden Problemen.

Nun ist selbstverständlich nicht nur wichtig, ob Psychotherapie wirkt, sondern eben auch, wie und was genau wirkt - auf diese Frage möchte ich in dem nächsten Blogeintrag näher eingehen.



Literatur
• Shedler, J. (2010). The Efficacy of Psychodynamic Psychotherapy. American Psychologist, 65(2), 98–109. 
• Leichsenring, F., & Rabung, S. (2008). Effectiveness of Long-term Psychodynamic Psychotherapy: A Meta-analysis. JAMA, 300(13), 1551–1565. 
• Leichsenring, F., Abbass, A., Luyten, P., Hilsenroth, M. J., & Steinert, C. (2022). Psychodynamic Therapy Meets Evidence-Based Medicine: A Systematic Review Using Updated Criteria. The Lancet Psychiatry, 9(8), 721–734.
 • de Maat, S., Dekker, J., Schoevers, R., & de Jonghe, F. (2007). The Effectiveness of Long-term Psychoanalytic Therapy: A Systematic Review of Empirical Studies. Harvard Review of Psychiatry, 15(5), 294–310. 
• Leuzinger-Bohleber, M., Hautzinger, M., Keller, W., Fiedler, G., & Ernst, M. (2019). Outcome of Long-term Psychoanalytic Treatment and Psychoanalytic Therapy in Outpatient Settings (LAC Study). Psychotherapy Research, 29(5), 600–614.


Was ist die therapeutische Beziehung und was sind ihre Wirkfaktoren?

Wenn Psychotherapie wirkt, dann nicht nur wegen einer Methode, sondern auch durch die Art, wie zwei Menschen miteinander arbeiten. Die therapeutische Beziehung – oft als therapeutische Allianz (Arbeitsbündnis) gefasst – zählt zu den robustesten Wirkfaktoren der Psychotherapieforschung: über Störungsbilder, Settings und Schulen hinweg. Meta-Analysen zeigen seit Jahrzehnten: Je besser die Allianz, desto besser der Therapieerfolg.
Was genau ist „therapeutische Allianz“?
Am verbreitetsten ist ein Bündnis-Begriff mit drei Bausteinen:
-Zielübereinstimmung: Wofür sind wir hier, was soll sich verändern?
-Aufgabenübereinstimmung: Wie gehen wir vor – was tun wir konkret in der Therapie?
-Bindung: Vertrauen, Sicherheit. 
 
Meta-Analysen aus der Wissenschaft: Wie stark ist der Effekt?

Flückiger et al. (2018) zeigen in einer umfassenden Meta-Analyse, dass die therapeutische Allianz ein robuster, schulenübergreifender Wirkfaktor der Psychotherapie ist. Der Zusammenhang zwischen Allianz und Therapieerfolg ist moderat, stabil und nicht allein durch frühe Symptomverbesserung erklärbar. Besonders bedeutsam ist die von Patient:innen erlebte Qualität der Allianz.

Die APA-Arbeitsgruppe „Psychotherapy Relationships That Work III“ bündelt zudem eine Reihe von Meta-Analysen zu konkreten Beziehungselementen, die in der Beziehung wirken. Als besonders gut untersuchte Bausteine können hier folgende gesehen werden: 


Empathie
Eine aktualisierte Meta-Analyse (Elliott et al., 2018) berichtet für Empathie einen mittleren Zusammenhang mit Therapieerfolg. Eine emphatische Haltung ist kein „Add-on“, sondern die Bedingung, unter der Patient:innen affektiv und biografisch schwierige Erfahrungen überhaupt erst explorieren können.

Positive Wertschätzung / „Positive Regard“
Auch positive Wertschätzung (warm, bejahend, nicht-beschämend) ist in meta-analytischen Befunden mit besserem Outcome verbunden. Psychodynamisch gesprochen kann das eine zentrale Gegenkraft zu inneren strafenden Instanzen (Scham, Selbstabwertung, „innerer Kritiker“) sein und somit eine neue Beziehungserfahrung ermöglichen, sowie zu veränderten inneren Bildern führen.

Zielkonsens & Kollaboration
Meta-Analysen zeigen positive Zusammenhänge zwischen Zielübereinstimmung / Zusammenarbeit und Outcome. Das ist der Punkt, an dem „humanistische Haltung“ und „psychodynamische Technik“ sich treffen: Beides wird stärker, wenn Therapie nicht am Menschen vorbei passiert, sondern mit ihm.

Ruptur–Reparatur
Eine Meta-Analyse zu Ruptur-Reparatur-Prozessen findet einen moderaten Zusammenhang zwischen gelungener Reparatur in der Beziehung und besserem Outcome. Das ist psychodynamisch hoch plausibel: Viele zentrale Konflikte entstehen in Beziehung – und werden auch in Beziehung transformiert, wenn Brüche nicht vermieden, sondern bearbeitet werden.


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die therapeutische Beziehung ein wichtiger und wissenschaftlich gut untersuchter Wirkfaktor in der Psychotherapie ist. Eine wertschätzend-emphatische Haltung, sowie ein Arbeitsbündnis, in dem es eine Übereinkunft über Ziele und Zusammenarbeit gibt, fördern diese Beziehung besonders. Wichtig ist jedoch auch, dass eine Beziehung auch von Brüchen und Unstimmigkeiten profitiert, wenn diese angesprochen und bearbeitet werden.

Literatur
• Flückiger, C., Del Re, A. C., Wampold, B. E., & Horvath, A. O. (2018). The Alliance in Adult Psychotherapy: A Meta-Analytic Synthesis. 

• Norcross, J. C., & Lambert, M. J. (2018). Psychotherapy Relationships That Work III. 

• Elliott, R. et al. (2018). Therapist Empathy and Client Outcome: An Updated Meta-Analysis. 

• Farber, B. A. et al. (2018). Positive Regard and Psychotherapy Outcome: A Meta-Analytic Review.

• Tryon, G. S. et al. (2018). Meta-Analyses of the Relation of Goal Consensus and Collaboration to Psychotherapy Outcome. 

• Eubanks, C. F. et al. (2018). Alliance Rupture Repair: A Meta-Analysis.